Der Friedensbeweger – Ein Nachruf auf Manfred Stenner

Manfred Stenner ist tot. Über 30 Jahre kämpfte der Pazifist und Geschäftsführer des Netzwerks Friedenskooperative für eine bessere Welt. Der Bonner „Friedensbeweger“ starb überraschend im Alter von 60 Jahren. Ein Nachruf von Roland Appel.

Manfred “Mani” Stenner, seit 26 Jahren Geschäftsführer des Bonner “Netzwerk Friedenskooperative” agierte und verhandelte immer mit sanfter Stimme, aber in der Sache zäh und beharrlich. Während Volkmar Deile (Aktion Sühnezeichen), Gerd Greune (IFIAS) und Lukas Beckmann (Grüne), Martin Böttger (Jungdemokraten) und Tissy Bruns (MSB Spartakus), Heidi Hutschenreuther (Friedensliste) und Dieter Schöffmann (Graswurzelbewegung) wort- und trickreich die politischen “Bündnisse” der Friedensbewegung schmiedeten, bevor Petra Kelly, Robert Jungk, Uta Ranke-Heinemann, Erhard Eppler oder Martin Niemöller auf den Demonstrationsbühnen die großen Reden hielten, war sein Beitrag eher still, aber um so nachhaltiger.

Mani Stenner war der praktische Friedensbeweger. Er war es, der mit vielen anderen die “Bezugsgruppen” organisierte und trainieren half, unter allen Umständen friedlich zu bleiben, ausschließlich passiven Widerstand zu leisten, bevor sie im Herbst 1983 bei der Blockade des Bundesverteidigungsministeriums in Bonn von Grenzschutzbeamten weg getragen wurden. Denn niemand wusste damals, wie die Staatsmacht auf die Sitzblockaden vor dem Allerheiligsten des Militärs reagieren würde. Niemand anders als diese Gruppen durften deshalb direkt dort hin.

Er war der Organisator, der über Sprechfunk mit den Ordnern der großen Friedensdemonstrationen in Verbindung stand, der im alternativen “Lagezentrum” die Fäden in der Hand hielt, damit 1981 150.000, 1982 über 200.000, 1983 350.000 Menschen in der Bundeshauptstadt Bonn fröhlich und ohne Störung oder nennenswerte Konflikte mit der Polizei ihr Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit wahrnehmen konnten. Der auch mit der “Gegenseite”, dem Lagezentrum der Polizei, Kontakt hielt und als zuverlässiger und glaubwürdiger Ansprechpartner viele kleine Missverständnisse entschärfen konnte. Der auch später der Öko- und Bürgerrechtsbewegung bei Demos und Aktionen in Bonn und anderswo mit Rat und vor allem Tat zur Seite stand, immer den friedlichen Ablauf im Blick.

Manis Erfolgsgeheimnis beruhte darauf, nicht nur zu überzeugen, sondern sein Gegenüber ernst nehmen und dessen Interessen verstehen zu können. Auch wenn Situationen zu eskalieren drohten, wo sich gewaltbereite Demonstranten und hochgerüstete Polizei gegenüber standen, blieb er ruhig und versuchte, rational zu (ver-)handeln. Sprechen, miteinander kommunizieren, den anderen als Menschen mit Gefühlen und Ängsten wahrnehmen – das war sein Prinzip und sein Erfolg. Auf beiden Seiten, ob “Schwarzer Block” der Autonomen, oder manch etwas härter gesottene Einsatzhundertschaft der Polizei war Mani ob seiner hartnäckigen Gewaltlosigkeit gefürchtet, aber zugleich geachtet und geschätzt. Die in der Polizei seit den 90er Jahren an Akademien gelehrte “Deeskalationsstrategie” ist in Wirklichkeit die Demonstrationskultur, die Manni Stenner und sein “Gegenpart” der damalige Bonner Polizeipräsident Michael Kniesel gemeinsam gegen- und miteinander entwickelt haben.

So hat Mani in den 90er Jahren konsequent im “Bonner Forum Bürger und Polizei” diesen Dialog weiter getrieben. Beide Seiten lernten zu verstehen, dass Polizisten nicht “Bullenschweine”, sondern Menschen sind, die fürchten, nach drei Tagen Turnhallenübernachtung verletzt nach Hause zu kommen, obwohl sie privat vielleicht ebenso denken, wie die Atomkraftgegner, gegen die sie den Castor-Transport beschützen. Dass Demonstierende sich mit und trotz ihrer Ängste an Schienen ketten oder gegen Wasserwerfer anrennen, Bauzäune besetzen – weil da Menschen mit legitimen Anliegen stehen, die von der Politik ignoriert werden.

Grundrechte – wie wir es bei der informationellen Selbstbestimmung angesichts von NSA und Google sehen – sind niemals für alle Zeit gewährt, sondern müssen immer neu verteidigt und erstritten werden. Auch dies wusste Mani Stenner und hat sich konsequent gegen rechte Gewalt und Neonazis engagiert. Vor allem aber hat er geholfen die Demonstrationsfreiheit und die Demonstrationskultur im Lande zu entwickeln. Auch sie ist bedroht, wenn wer auch immer, wie in den letzten Tagen, öffentlich menschenverachtende Parolen schreit, Minderheiten bedroht und verunglimpft oder gar den Tod wünscht. Dabei geht es nicht in erster Linie um die strafrechtliche Würdigung, es geht vor allem um Aggression und Hass in den Köpfen.

Wenn eine junge deutsche Bürgerin mit palästinensischem Migrationshintergrund im Radio-Interview Parolen wie “Tod Israel” rechtfertigt, weil “doch in Ghaza hunderte Menschen ihr Leben lassen müssen” was seien denn im Vergleich dazu hier ein paar Parolen wie diese – dann hat sie wohl nicht verstanden, dass Krieg und Gewalt, die in Palästina herrschen, ihren Ursprung im Denken und im Hass von Menschen haben.

Mani Stenner hätte ihr vermutlich entgegnet, dass Kritik an der Politik der israelischen Regierung legitim, aber Hass, Rassismus und Antisemitismus inakzeptabel sind, weil sie die Menschlichkeit zerstören und zu Gewalt und Krieg führen. Und er hatte die Gabe, es so zu formulieren, dass sie ihm zugehört hätte, nachdenklich geworden wäre.

Er hatte ein humanistisches Menschenbild verinnerlicht, das ihn befähigte, im Anderen zuerst den Mitmenschen zu erkennen und auf ihn einzugehen – was wir heute ganz aktuell und für die Zukunft von Mani als “Friedensbeweger” lernen können. Mehr noch: Damit hat die Friedensbewegung die Bundesrepublik Deutschland und vielleicht auch die damalige DDR ein Stück verändert und ein demokratisches und offenes Klima geprägt. Einen gewaltloseren Diskurs und offeneren Dialog ermöglicht, als es die 60er und 70ere Jahre kannten und damit grundlegend mit den konfrontativen Straßenkämpfen der alt-68er und der damaligen Staatsmacht gebrochen. Damit haben Mani und seine Mitstreiter im Hintergrund letztlich viel mehr erreicht, als sie zu hoffen wagten.

Am vergangenen Donnerstag ist sein großes Herz für die Menschen und den Frieden für immer stehen geblieben. Danke, Mani für alles. Wir werden uns bemühen, die Schritte ohne Dich weiter zu gehen, die Du uns geebnet hast.

Roland Appel

Roland Appel

Roland Appel, 60, lebt und arbeitet als Unternehmensberater in Bornheim /Rheinland. Er war 1983 Bundesvorstand der Jungdemokraten und ehrenamtlicher Mitarbeiter im Koordinierungsbüro der Friedensbewegung, Mitarbeiter der Grünen im Bundestag ab 1984 und Mitinitiator des Volkszählungsboykott 1987. Von 1990-2000 war Appel Landtagsabgeordneter der Grünen in NRW.

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